Herzlich willkommen



Kalenderblatt für den 10. Dezember




Kanzelparagraph

Fürst Otto von Bismarck sah sich am 10. Dezember 1871 genötigt, den sog. Kanzelparagraphen in das deutsche Strafgesetzbuch einzufügen. Darin war es, kurz gesagt, Geistlichen verboten, sich politisch in ihren Reden zu äussern.

Kalenderblatt Bild10. Dezember – Kalenderkunde
Pius und Bismarck spielen Schach, Karikatur Kladderadatsch 1875

Dieser Paragraph war natürlich nur die Spitze eines Eisbergs. Insgesamt gab es in Europa durch die Aufklärung ein neues Verständnis des Staates. Oder anders ausgedrückt, die Staaten bekamen ein neues Selbstbewusstsein.

Die Kirche hatte damals u.a. einen immensen Einfluss auf das Sozial- und Bildungswesen. Schulen, Universitäten, Krankenhäuser uvm. waren (und sind oft genug noch) in der Hand der Kirche. Damals vorzugsweise die katholische Seite. Das bedeutete natürlich, dass oft genug ganz eigene Regeln aufgestellt wurden. Aber es ist nicht nur das diffuse Gefühl, dass die Kirche Einfluss nähme, sie griff offensiv in die Staatsgewalt ein. Die Frage der Religionsfreiheit war nur ein Thema. Z.B. hatten Krankenhäuser das Recht, andersgläubige vor die Tür zu setzen. Egal wie bedürftig.

Oder die Frage der Ehe. Zu Napoleons Besatzerzeiten wurde die Zivilehe zwar eingeführt aber nachdem er weg war, weitestgehend wieder abgeschafft. Eine Sache, die man sich heutzutage kaum noch vorstellen kann; eine Ehe gilt nur, wenn vor einem katholischen Geistlichen geschlossen. Also schliesst das Homosexuelle, Geschiedene, Ungläubige, Andersgläubige, Protestanten etc. pp. aus. Ach ja, Scheidung geht eh nicht. Ehebruch und Masturbation sind Todsünden. Wieviel Prozent von allen hätten wir damit?

All diese und einige andere Gründe führten unter dem Namen Kulturkampf zu einem offenen Konflikt. Im deutschen Kaiserreich eröffnete Bismarck unter anderem mit dem Kanzelparagraphen den Schlagabtausch. Sein erklärter Gegner war Papst Pius IX. Dieser hatte 1864 den  Syllabus Errorum (Verzeichnis der Irrtümer) veröffentlicht. Darin wurden in 80 Thesen eigentlich alle liberalen bzw. humanen Gedanken der Zeit gegeißelt und verboten. Rede- und Religionsfreiheit waren natürlich untersagt. Kein Gott ausser dem katholischen und selbstverständlich steht das katholische Recht unfraglich jederzeit über dem staatlichen.

Und diese zutiefst mittelalterliche und undiplomatische Haltung stiess den liberalen Lenkern der Staatsgeschicke sehr auf. Selbst gemäßigt konservative Kirchenleute äusserten ein klein wenig Unmut. Die Reaktion von Bismarck war harsch. In Preussen griffen in den folgenden Jahren nach dem Kanzelpargraph viele andere Regelungen und Gesetze, die darauf abzielten, die Kirche zu entmachten. Einer der Faktoren war, dass durch Steuern, Grundbesitz und Zins die Kirche stinkreich war. Nicht nur so reich, dass sie sich am Laufen hält, sondern wirklich echt dick vermögend.

Als Beispiel gab es das Recht auf Zivilehe, das Brotkorbgesetz, dass den Kirchen die staatlichen Zuwendungen entzog oder das Klostergesetz, das der Kirche Neugründung von Klöstern und Neuaufnahme von Mitgliedern untersagte.

Diese Gesetze und die Konfliktbereitschaft forderten tatsächlich monetär und personell einige Einbußen. Ca. 1800 Priester gingen ins Gefängnis, 16 Mio. Goldmark wurden beschlagnahmt. 1872 wurden offiziel alle diplomatischen Beziehungen zum Vatikan abgebrochen. Vor dem Reichstag betonte Bismark knackig: „Nach Canossa gehen wir nicht!“

Beide Seiten erkannten, dass sich nicht alle Ziele durchsetzen liessen. Es war ein Aufbegehren des Staates gegen die Kirchen aber es war einfach noch zu viel (katholische) Kirche in den Köpfen der Bevölkerung. Papst Pius starb 1878 und in der Folge nahm man wieder diplomatische Beziehungen mit seinem Nachfolger, Leo XIII auf. Der ‚Kampf, welcher die Kirche schädigte und dem Staat nichts nützte‘ wurde laut Vatikan 1887 offiziel für beendet erklärt.

Der eigentliche Zwist über die saubere Trennung von Religion und Staat hält noch heute an. Evangelische und katholische Kirchen führen Institutionen, aber der Unterhalt wird vom Staat getragen. Noch vor kurzer Zeit lehnte ein katholisches Krankenhaus Abtreibungen kategorisch ab oder kündigte geschiedenen Mitarbeitern.

Die Vorstellung, dass eine unverheiratete Christin ein Kind in einem muslimisch geführten Krankenhaus in Bayern zur Welt bringt und es im jüdischen Glauben erzieht, ist genau in dem Maße abwegig, wie wir von wirklich geistiger Freiheit entfernt sind.

 


 
















Kalenderkun.de

verwendet bewusst keine aufwändigen Techniken. Kein Javascript, keine eigenen Cookies, kein Flash. Lediglich ein wenig php im Hintergrund und handgeschriebenes HTML.

Als einzige Werbung kommen bei den Artikeln Dinge wie Buch- oder Filmempfehlungen vor. Die stehen aber handverlesen in Zusammenhang zum Thema.


All die rechtlichen Dinge


Impressum
Datenschutzerklärung
Kontakt