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Kalenderblatt für den 25. Juli




Blumenstrasse

Eine Zwangsräumung im Berliner Stadtteil Friedrichshain sorgte am 25. Juli 1872 für einen saftigen Aufstand. Der Tischler Ferdinand Hartstock wohnte mit seiner Familie im Haus Blumenstraße 51c nahe dem heutigen Strausberger Platz.

Kalenderblatt Bild25. Juli – Kalenderkunde
Max Liebermann - Ausschnitt Flachsscheuer in Laren 1887

Sein Vermieter, wir stellen ihn uns jetzt mal schnauzbärtig und hartherzig vor, kündigte ihm fristlos mit der Begründung, dass er untervermietet habe. Was übrigens stimmte. Untervermietung war zur damaligen Zeit in Berlin gang und gäbe. Aber dazu später.

Nun war Herr Hartstock mit seiner bescheidenen Habe buchstäblich auf der Straße. Da er sich so schnell nicht mit einem Fuhrunternehmen auf einen Preis einigen konnte, standen die Möbel in der Blumenstraße herum und erregten Aufmerksamkeit. Die Nachbarn kamen, man zeigte Mitgefühl und mehr noch, man regte sich auf. Lautstark und Vielstimmig.

Um das nachzuvollziehen, sollte man einen Blick auf das Berlin des Jahres 1872 werfen. Die Bevölkerung strömte in Scharen in die Stadt, man suchte Arbeit und natürlich Wohnraum. Die Industrialisierung bot verlockende Aussichten. Und brachte die üblichen Probleme mit sich. Der Lohn war wie immer karg und es gab gar keine anderen Möglichkeiten als kreativ zu werden, was die Unterkunft anbelangte. Man konnte ein Bett untervermieten an sog. Schlafburschen. Teils wechselten sich ein Nachtschichtler mit einem Tagschichtler in einem Bett ab. Und wer nichts fand, versuchte in einem Slum unterzukommen. Bretterbuden entstanden am Stadtrand, am Tempelhofer Feld und auch am Frankfurter Tor.

Es war zugegebenermaßen eine große Menge an Zuzug, den Berlin zu bewältigen hatte. Ca. 30.000 kamen jährlich in die Stadt. Aber anstatt Milde walten zu lassen und schnell für neuen Wohnraum zu sorgen, machte man im Grunde das genaue Gegenteil. Der (gewonnene) Krieg gegen Napoleon und das große politische Interesse an Berlin sorgten für einen starken Anstieg der Immobilienpreise. Wozu sollte ein Vermieter Geld stunden oder gar nett sein, für einen Zwangsgeräumten standen sogleich 10 neue Mieter bereit, die auch höhere Preise zahlen würden? Dazu kam noch, dass die rechtliche Situation von damaligen Mietern erbärmlich war. Das Verbot der Untervermietung oder der Haustierhaltung war eine Klausel, die sehr oft vorkam und erlaubte, sofort zu kündigen. Und zumeist waren die Verträge auf ein halbes Jahr beschränkt und wurden nur nach willfähriger Entscheidung verlängert.

Jetzt aber zu unserem Tischler. Die Friedrichshainer versammelten sich in immer größerer Zahl, Fast 5.000 sollen es sogar gewesen sein. Und der Druck wuchs, Diese Zwangsräumung war einfach eine zu viel. Dem Vermieter wurden die Scheiben eingeschmissen und es muss ziemlich lautstark gewesen sein. In der Nacht gegen drei Uhr konnte dann die berittene Polizei die Menge verteilen.

Demnächst sollten aber der Wiener Kaiser und der russische Zar nach Berlin kommen und man hatte in eher beschränkter Weisheit beschlossen, die Bretterbuden-Slums abzureissen. Wäre ja kein schöner Anblick. Vielleicht hätte der Aufstand in der Blumenstraße in der Nacht geendet aber der beginnende Abriss, die Demütigung der tausenden von Bewohnern war zuviel. Man versammelte sich wieder in der Blumenstraße und an anderen Orten. Die Krawalle begann erst recht. Steine flogen, Knüppel wurden geschnitzt und die Arbeiter blieben den Fabriken fern.

Drei Tage lang regnete es Steine und Flaschen auf die Polizisten. Barrikaden wurden in den Straßen errichtet. Kaiser Wilhelm bestand darauf, den Aufstand mit aller nötigen Härte zu beenden aber man verzichtete auf den allzu starken Einsatz des Militärs. Es kam zu vergleichsweise wenigen Verhaftungen und Verurteilungen und am dritten Tag verpuffte die Energie der Aufständischen.

Die Barrackensiedlungen wurden dennoch geräumt und es gab nach wie vor höchst unmoralische Zwangsräumungen. Aber es war nicht der letzte Aufstand in Berlin.

 


 

 


 
















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